„Mehr Bäume als Menschen“

„Mehr Bäume als Menschen“

In Bebra, eine Klein­stadt im Nord­os­ten Hes­sens, hat­ten wir am 10. Dezem­ber in Koope­ra­ti­on mit dem neu gegrün­de­ten Ver­ein für Kul­tur, Begegnung/en und inter­na­tio­na­le Ver­stän­di­gung (KuBiV e. V.) und dem Rehasport­ver­ein Bebra e. V. zu zwei Gesprächs­run­den für älte­re Bür­ge­rin­nen und Bür­ger mit Men­schen, die nach Deutsch­land geflüch­tet sind, ein­ge­la­den. Im Gemein­de­saal der Evan­ge­li­schen Kir­che berich­te­ten am Vor­mit­tag Rami Mona­kesh aus Syri­en und Hos­ei­ni Amir aus Afgha­ni­stan über ihre Erleb­nis­se auf der Flucht, aber auch ihre Erfah­run­gen in Deutsch­land. Herr Mona­kesh erzähl­te, wie er und sei­ne Fami­lie vor eini­gen Jah­ren auf dem Frank­fur­ter Flug­ha­fen ankam. Es sei schwie­rig, in Bebra und Umge­bung einen Job zu fin­den oder gar den Beruf aus­zu­üben, den man erlernt habe. Für einen Sicher­heits­dienst zu arbei­ten, sei nicht sein Wunsch, lie­ber wür­de er wie­der als Bau­in­ge­nieur aktiv sein. Herr Amir erzähl­te von gro­ßen Fami­li­en­fei­ern in sei­ner Hei­mat, wo jetzt wie­der die Tali­ban herr­schen. Der­zeit nimmt er an einem Sprach­kurs teil. „Mei­ne Ehe­frau wür­de auch ger­ne die deut­sche Spra­che ler­nen. Doch da es nicht genü­gend Kita-Plät­ze gibt, küm­mert sie sich um unse­re Kin­der“, sagt er. Eine Senio­rin erklär­te abschlie­ßend: „Es war sehr inter­es­sant, die Pro­ble­me der Mit­bür­ger ken­nen­zu­ler­nen. Hil­fe ist auf jeden Fall angebracht.“

Am Abend zu Gast im Fit­ness­park Bebra berich­te­te Abdul Reh­man Rafiq den Teil­neh­men­den über sei­ne Erleb­nis­se als Min­der­jäh­ri­ger auf der Flucht aus Paki­stan. Aus fami­liä­ren Grün­den und mit Unter­stüt­zung sei­ner Mut­ter sei er 2013 geflo­hen, so Herr Rafiq. Er erin­ner­te sich noch gut an einem älte­ren Herrn, der ihn in der Tür­kei nach dem Weg frag­te, jedoch schnell bemerk­te, dass der Jugend­li­che und sein jun­ger Freund selbst Hil­fe benö­tig­ten. Der älte­re Herr gab ihnen ein Dach über dem Kopf, eine war­me Mahl­zeit und die Mög­lich­keit, sich und ihre Klei­dung zu waschen. Danach fuh­ren sie, ver­steckt in einem Lkw mit ande­ren Geflüch­te­ten, nach Ita­li­en. Umge­ben von Kies­sä­cken sei es sehr kalt gewe­sen. Von Ita­li­en aus führ­te der Weg nach Frank­reich. Die weni­gen Erspar­nis­se reich­ten aus, um nach Paris zu rei­sen. Nach einem Tele­fo­nat mit der Mut­ter sei die Ent­schei­dung gefal­len, nach Bar­ce­lo­na zu fah­ren, wo die Chan­cen bes­ser stan­den, eine dau­er­haf­te Unter­kunft zu fin­den. „In Bar­ce­lo­na war die schöns­te Zeit“, erzählt Herr Rafiq mit einem Lächeln. Mit dem Ziel Nor­we­gen sei er schließ­lich über Gie­ßen in Bebra ange­kom­men. Zunächst habe es ihm hier nicht gefal­len – „mehr Bäu­me als Men­schen“, sagt er. Hier hat­te er jedoch die Mög­lich­keit, die deut­sche Spra­che zu ler­nen, zur Schu­le zu gehen und eine Aus­bil­dung zu machen. Heu­te arbei­tet er als Sport- und Fit­ness­kauf­mann sowie Fit­ness­trai­ner im Fit­ness­park Bebra und unter­stützt sei­ne Fami­lie in Paki­stan. Vor ein paar Jah­ren habe er sich bewusst ent­schie­den, posi­tiv zu den­ken, in der Gegen­wart zu leben. Auf das Glück dür­fe man nicht war­ten, so Herr Rafiq. Er möch­te auch ande­ren Geflüch­te­ten in Bebra hel­fen: „Das mache ich sehr gern, denn ohne die Hil­fe von ande­ren hät­te ich die­sen wei­ten Weg nicht geschafft. Jetzt hel­fe ich, wo ich kann.“