„Dahinter steckt immer ein Mensch wie du und ich“

26.10.2020 Leipzig

„Dahinter steckt immer ein Mensch wie du und ich“

Die Begeg­nungs­ver­an­stal­tung am 26. Okto­ber 2020 bei der Volks­so­li­da­ri­tät Stadt­ver­band Leip­zig e. V. stand ganz im Zei­chen einer sich ver­schär­fen­den Coro­na-Situa­ti­on. Der Teil­neh­mer­kreis war klein, die Tische in wei­tem Abstand gestellt, und Mund-Nase-Bede­ckung war für alle Pflicht. Auch für Baha­dir Temiz aus der Tür­kei und Anas Kaz­kaz aus Syri­en, die sich bereit erklärt hat­ten, von ihrer Flucht und dem Ankom­men in Deutsch­land zu berich­ten. Julia Koslow­ski, die Lei­te­rin des Senio­ren­bü­ros Alt-West, die gemein­sam mit uns zu der Ver­an­stal­tung ein­ge­la­den hat­te, hat­te eine wei­te­re Über­ra­schung parat: Der Pres­se­spre­cher der Leip­zi­ger Volks­so­li­da­ri­tät hät­te die Idee gehabt, aus­ge­rech­net unter den Teil­neh­men­den der Ver­an­stal­tung nach Inter­view­part­nern für eine Son­der­sen­dung im Fern­se­hen zum The­ma Coro­na und die Risi­ko­grup­pen zu suchen. So sol­le die Gesprächs­run­de gefilmt wer­den. Alle zeig­ten sich schnell ein­ver­stan­den und blie­ben gelas­sen. Beson­de­re Situa­tio­nen erfor­der­ten eben eine beson­de­re Fle­xi­bi­li­tät.

Die Lebens­ge­schich­ten der bei­den jun­gen Män­ner sorg­ten für ein Wech­sel­bad der Gefüh­le. Die Flucht von Herrn Temiz aus Istan­bul, der als Anwalt ein nor­ma­les bür­ger­li­ches Leben geführt hat­te, gleicht einem Kri­mi. Spe­zia­li­siert auf Men­schen­rech­te, hat­te er immer wie­der Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten ver­tei­digt. Nach dem Putsch­ver­such 2016 stan­den auch für Herrn Temiz Ver­haf­tung und Fol­ter als rea­le Gefahr im Raum, so muss­te die Ent­schei­dung, mit sei­ner Frau das Land zu ver­las­sen, schnell getrof­fen wer­den. Ein Visum konn­te nicht beschafft wer­den, der erst­bes­te Flug führ­te aus­ge­rech­net nach Süd­afri­ka, das für eini­ge Mona­te die ers­te Sta­ti­on auf der Flucht wur­de. Von dort ging es wei­ter in den Nor­den des afri­ka­ni­schen Kon­ti­nents und von dort auf den Bal­kan, bis die bei­den nach fast andert­halb Jah­ren schließ­lich in Deutsch­land anka­men. Er sei sich immer sicher gewe­sen, dass hier die Men­schen­rech­te geach­tet wür­den, des­we­gen soll­te es Deutsch­land sein, so Temiz. Als Anwalt im Aus­land Fuß zu fas­sen sei aber unmög­lich, die Rechts­sys­te­me sei­en zu ver­schie­den, eigent­lich müs­se man mit dem Stu­di­um wie­der von vor­ne anfan­gen. Aber man kön­ne sich auch für Men­schen­rech­te enga­gie­ren, ohne Anwalt zu sein, da ist sich Herr Temiz sicher. Das Ler­nen der neu­en Spra­che stand sowie­so zunächst im Vor­der­grund. Dafür bekam er ein Sti­pen­di­um, „im Schrift­li­chen habe ich bei den Prü­fun­gen sogar mut­ter­sprach­li­ches Niveau erreicht“, berich­tet er stolz. Nach dem Deutsch­kurs folg­te ein acht­mo­na­ti­ger Eng­lisch­kurs, „das Mas­ter­stu­di­um, für das ich mich jetzt inter­es­sie­re, ist schließ­lich auf Eng­lisch“.

Die Schil­de­run­gen des jun­gen Apo­the­kers Kaz­kaz, wie er mit Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen unter Lebens­ge­fahr Ver­band­ma­te­ri­al und Medi­ka­men­te für die Ver­wun­de­ten des Bür­ger­kriegs in Syri­en orga­ni­sier­te und bei den Bom­ben­an­grif­fen Freun­de und Ver­wand­te ver­lor, weck­te bei den teil­neh­men­den Senio­rin­nen und Senio­ren Erin­ne­run­gen an die Zeit des Zwei­ten Welt­kriegs, beson­ders beim ältes­ten Teil­neh­mer der Gesprächs­run­de, 96 Jah­re alt: Es mache ihn fas­sungs­los, dass die Men­schen immer noch Krieg gegen­ein­an­der führ­ten und nichts gelernt hät­ten. Zwei Damen konn­ten dem nur zustim­men: Am meis­ten lei­de immer die Zivil­be­völ­ke­rung, das wüss­ten sie aus eige­ner Erfah­rung. „Und wie sich Hun­ger anfühlt, das wis­sen wir auch.“ Der dro­hen­de Mili­tär­dienst ver­an­lass­te Herrn Kaz­kaz zur Flucht ins Nach­bar­land Jor­da­ni­en, bis zur letz­ten Minu­te habe er gewar­tet. In Jor­da­ni­en sei die Situa­ti­on für geflüch­te­te Syrer sehr schlecht, auch wenn er dort als Apo­the­ker Arbeit gefun­den hät­te. Kaz­kaz bemüh­te sich des­halb um die Aus­rei­se nach Deutsch­land, wo auch schon sei­ne Cou­si­nen leb­ten. Herr Kaz­kaz, wie Herr Temiz nach der Ankunft in Deutsch­land nach einem Ver­teil­schlüs­sel dem Bun­des­land Sach­sen zuge­teilt, erzähl­te, wie er über Thea­ter­an­ge­bo­te und kul­tu­rel­le Akti­vi­tä­ten all­mäh­lich Fuß fass­te in der neu­en Umge­bung, über­haupt sei­en Kul­tur und Geschich­te sei­ne Ste­cken­pfer­de. So erfuh­ren die Teil­neh­men­den von einer Viel­falt der Spra­chen und Reli­gio­nen, die in sei­nem Hei­mat­land immer mehr ver­lo­ren gin­ge. Etwas weh­mü­tig wur­de es, als er über die Wert­schät­zung älte­ren Men­schen gegen­über sprach: Der Besuch am Wochen­en­de bei den Groß­el­tern sei ein fes­ter Ter­min in der Fami­lie gewe­sen, die Groß­mutter duf­te nicht ein­mal Tee für ihre Gäs­te machen, „sie soll­te sich doch füh­len wie eine Köni­gin“. So ähn­lich sei das hier­zu­lan­de auch ein­mal gewe­sen, da kön­ne sich die jun­ge Genera­ti­on bei den neu­en Nach­barn wirk­lich eine Schei­be abschnei­den, fand eine Teilnehmerin.

Einen Wunsch hät­ten Herr Kaz­kaz und Herr Temiz, die gut in Deutsch­land auf­ge­nom­men wur­den, sich in Leip­zig sehr wohl füh­len und inzwi­schen vie­le Freun­de hier haben: Dass die Medi­en in Deutsch­land etwas gründ­li­cher die Lage in ihren Hei­mat­län­dern recher­chie­ren und bes­ser dar­stel­len wür­den, wer wel­che Inter­es­sen in der Kon­flikt­re­gi­on ver­tritt. Es sei gar nicht so schwer zu ver­ste­hen. Eine Begeg­nung wie heu­te fin­den alle wich­tig: Man müs­se auf­ein­an­der zuge­hen und sich die ein­zel­nen Lebens­ge­schich­ten anhö­ren. Dahin­ter ste­cke schließ­lich immer ein Mensch wie du und ich, wie ein Teil­neh­mer es for­mu­lier­te. Ein Anfang ist gemacht. Eine Teil­neh­me­rin ver­ab­schie­de­te sich von Herr Kaz­kaz: „Wenn ich mir das nächs­te Mal Tablet­ten besor­gen muss, dann kom­me ich zu Ihnen in die Apo­the­ke.“ Herr Temiz wur­de mit vie­len guten Wün­schen für sich und sei­ne inzwi­schen um einen in Deutsch­land gebo­re­nen Sohn ver­grö­ßer­te Fami­lie bedacht. Alles hin­ter sich zu las­sen und hier ganz neu anzu­fan­gen, davor hät­ten alle in der Gesprächs­run­de gro­ßen Respekt.

Kers­tin Mot­zer, Beauf­trag­te für Senio­ren der Stadt Leip­zig, die eben­falls teil­ge­nom­men hat­te, war zufrie­den: Sol­che Begeg­nun­gen wür­de sie ger­ne viel öfter initi­ie­ren, nur so kann gegen­sei­ti­ges Ver­ständ­nis ent­ste­hen. Das sehen auch die bei­den geflüch­te­ten Män­ner so: „Wir sind ger­ne wie­der dabei.“